2017-06 Baukunst des Vincenz Statz

Auf den Spuren neugotischer Sakralkunst

Sinziger Denkmalverein ließ sich von Stephan Pauly in Rheinbrohl, Landkern und Münstermaifeld die Baukunst des Vincenz Statz erläutern

 

Sinzig. Eine kleine sehr interessierte Gruppe kam jüngst zur Exkursion des Fördervereins der Denkmalpflege und des Heimatmuseums zusammen. Mit Kirchenkenner und Vereinsmitglied Stephan Pauly begab sie sich auf die Spuren von Architekt Vincenz Statz in der Region. Nach einer fundierten Ausbildung als Schreiner, Zimmermann und Maurer, trat der 1819 in Köln geborene Statz, der auch das Sinzig Schloss entwarf, 1841 in den Steinmetzbetrieb der von Ernst Friedrich Zwirner gegründeten Dombauhütte ein, um an den Entwürfen des Kölner Doms mitzuwirken. Er war nicht, wie oft behauptet, Dombaumeister, sondern königlicher Baumeister, später königlicher Baurat. Statz sagte von sich, 500 Bauten gingen auf ihn zurück. „121 lassen sich nachweisen, er könnte 500 Entwürfe gemeint haben“, erklärte Pauly. Zumeist plante er Kirchen und Kapellen, aber auch profane Bauten, so Pfarrerwohnungen und Krankenhäuser.

 

Den äußerst arbeitssamen Planer faszinierten die Bauformen der Neugotik. Sein gesamtes Schaffen widmete er der Rezeption der Gotik. Vielfach war er in und um Bonn, Köln und Koblenz tätig.  „Sein großartigstes Werk“ entsprang allerdings dem Auftrag für die Kirche in Linz an der Donau. Diese realisierte er als Privatarchitekt nach seiner Zeit in der Dombauhütte (1841 bis 1854). Doch auch währenddessen arbeitete er „nebenher“ viel an eigenen Projekten.

 

Dass sich die Neugotik als frühe Stilform des Historismus aber nicht im Aufgreifen der mittelalterlichen Architektur erschöpft, für die mächtige Raumhöhe und spitz zulaufende Bögen charakteristisch sind, das illustrierte Pauly eindrücklich bei seiner Führung in drei Sakralbauten, beginnend in der katholischen Pfarrkirche St. Suitbert in Rheinbrohl. Die von Statz entworfene, 1852 bis 1856 erbaute katholische Pfarrkirche „gilt als eine seiner besten Bauten“. In diesem Urteil stimmen König Friedrich Wilhelm IV. und die Kunstgeschichte überein. Anspruchsvoll gestaltete Statz den mächtigen Westturm, indem er nach dem quadratischen Grundriss zweier Geschosse beim dritten Geschoss zum Achteck wechselte. Eine Besonderheit auch der Turmhelm, nicht geschiefert, wie üblich, sondert gemauert. Im Innern der dreischiffigen Basilika wird deutlich, „dass man der mittelalterlichen Ideenwelt noch eigene Inspiration hinzufügte“, etwa durch die „Naht“ der Scheidbögen zwischen Haupt- und Seitenschiff. Bis ins letzte Detail durchdacht waren die Bauten: Selbst der Verzicht auf das Mittelfenster im Chor zwecks besserer Sicht auf die steil aufstrebenden Filialen des Altars ging vermutlich auf den Architekten zurück, wenn nicht sogar der Altar selbst.

 

Die Kritik von Zeigenossen, die Kirche sei zu dunkel, beherzigte Statz wohl beim Neubau St. Servatius in Landkern, Kreis Cochem-Zell. Für das 1859 bis 1862 errichtete Gotteshaus plante er jedenfalls höhere Obergaden mit größeren Fenstern. Originell legte er den Chor zentralbauartig erweitert an. Dennoch zeigt der Rheinbrohler Bau eine individuellere Handschrift. „Aber Landkern mit seiner Originalausmalung mit nachgemachtem Mauerwerk, den Disteln in den Gewölbezwickeln und seinen herrlichen Fenstern ist im Gesamterscheinungsbild schöner“, fand Pauly. Weil Vincenz Statz auch für viele Einrichtungen von Kirchen verantwortlich zeichnete, führte das Exkursionsziel Nummer drei zur ehemaligen Stiftskirche Münstermaifelds mit dem festungsartigem Westwerk. Im Bau mittelrheinischen Übergangsstils von der Romanik zur Gotik konzentrierte man sich auf eine neugotischen Kanzel von Statz. Er ließ sie in Stein erbauen und wählte für den Treppenaufgang der Kanzel Maßwerk aus dem gotischen Architekturformen-Kanon, was so in der Gotik indes keine Anwendung gefunden hätte und einmal mehr die eigene Handschrift des findigen Baumeisters zeigt.

 

Bereichert um viele Einsichten und Einblicke in neu erschlossene Zusammenhänge kehrten die Exkursionsteilnehmer zurück, aber nicht ohne Stephan Pauly für seine instruktive Führung zu danken. Insbesondere Matthias Röcke, stellvertretender Leiter des Denkmalvereins, hob hervor, wie sehr die kenntnisreichen Erläuterungen zum Verständnis der Beispiele sakraler Kunst beigetragen haben.

 

Ergänzung zum Bericht:

Die Artikelschreiberin erreichte eine Nachricht von Pfarrer Herbert Lonquich i. R. aus Oberwinter mit interessanten zusätzlichen Informationen zur Rheinbrohler Kirche. Ein Freund hatte ihm einen Zeitungsbericht über die Exkursion des Denkmalvereins zukommen lassen. Da Lonquich, heute Pfarrer in Ruhe, bis 2011 in der  Pfarreiengemeinschaft Rheinbrohl, Hammerstein und Leutesdorf 20 Jahre lang Pastor war, kennt er sich mit den dortigen Gegebenheiten sehr gut aus.

Pfarrer Herbert Lonquich schreibt: „Der zitierte Herr Stephan Pauly irrt in zwei Punkten: Der Altar ist von dem Kölner Bildhauer Otto Mengelberg gebaut worden und nicht von Vincenz Statz und die Verblendung des mittleren Fensters in der Apsis habe ich gegen den Willen einiger weniger ‚Experten‘ durchgesetzt ‚zwecks besserer Sicht auf die steil aufstrebenden Filialen des Altars‘“.

Allerdings irrte nicht Stephan Pauly, sondern die Artikelschreiberin Hildegard Ginzler hat fälschlich verstanden und wiedergegeben, der Altar könne von Statz sein. Dass Pauly dies keineswegs behauptet hat, stellte er jüngst klar. Er und die Leser werden gebeten, das Missverständnis zu entschuldigen,

Herr Pfarrer Lonquich berichtet in seinem Schreiben weiter über den Rheinbrohler Altar: „Dieser wurde in den 90erJahren von der Schreinerei Rudolf Hermann, Rheinbrohl, unter der künstlerischen Aufsicht des damaligen Diözesankonservators Prälat Prof. Franz Ronig - nach der fast völligen Zerstörung im Krieg - wieder aufgebaut. Die Idee, über das Kreuz im Altar nicht INRI, sondern JAHWE zu schreiben, ist ebenfalls von mir - wenn das auch theologisch nicht unwidersprochen sein könnte - es hat aber niemand Einspruch erhoben.“  

Wir danken Herrn Pfarrer Lonquich für seine Mitteilung und Vereinsmitglied Stephan Pauly für seine Richtigstellung

Hildegard Ginzler 

 

Der mächtige Turm von St. Suitbert in Rheinbrohl

 

Der Verzicht auf das Mittelfenster im Chor von St. Suitbert ist der besseren Sicht auf den Altar geschuldet.

 

Klais-Orgel von 1901, allerdings ohne ihr ursprüngliches Gehäuse,
das wie vieles in der Kirche St. Suitbert in den 1950er Jahren verlorenging

 

St. Suitbert gilt als einer der besten Bauten des Architekten Vincenz Statz

 

Die Herkunft der schönen Orgel von St. Servatius in Landkern ist unbekannt.

 

Gesamtkunstwerk mit Malerei und herrlichen Fenstern aus der Erbauungszeit: die Landkerner Kirche St. Servatius.

 

Blick von der Orgelempore in den St. Servatius-Kirchenraum

 

Kanzel in Münstermaifeld

 

Text und Fotos: Hildegard Ginzler

(c) Juni 2017