Als Rom überschwemmt war und in Athen die attische Seuche herrschte…

 

Achim Habbel und Meik Stiegler referierten beim Denkmalverein über Katastrophen in der Antike

 

Sinzig. Verheerende Überschwemmungen und schlimmste Pandemien kannte schon die Antike.  Das jüngste „Turmgespräch im Schloss“ des Fördervereins Denkmalpflege und Heimatmuseum in Sinzig befasste sich damit und lieferte spannende Einblicke in Überflutungen, Pandemien, Fake News und Katastrophen-Management vor gut 2000 Jahren. Zwar haben die Referenten Achim Habbel und Meik Stiegler die Flutkatastrophe an der Ahr und die schon mehr als zwei Jahre anhaltende Corona-Pandemie auf die Idee zu ihrem Vortrag gebracht haben. Dazu aber gleich zu Beginn der gut besuchten Veranstaltung diese Klarstellung: Weder sollte der Abend eine Art schwacher Trost für Betroffene sein noch eine Form von Sensationsdarstellung – sondern einfach nur Information.

 

Die beiden Referenten bewegen sich als interessierte und engagierte Laien in Themen der Antike, womit die Epoche der alten Römer und Griechen gemeint ist. Glücklicherweise prägen diese Epoche aus heutiger Sicht einige bedeutende Chronisten, Schriftsteller und Philosophen, deren Berichte und Schlussfolgerungen sich in griffigen Übersetzungen bis heute erhalten haben. Achim Habbel referierte und gab dann das Wort an Maik Stiegler, der die antiken Werke rezitierte– eine  sehr auflockernde „Arbeitsteilung“. 

 

Was Tacitus und Plinius zu großen Tiber-Hochwasserereignissen in Rom aufgeschrieben haben, könnte auch heute aus dem Ahrtal berichtet worden sein. Nüchtern und drastisch haben sie die Folgen der Überschwemmung beschrieben. Auch die Frage, ob man denn nun unbedingt so viel und eng am Fluss bauen müsse, nur weil es dort so schön sei, warf der berühmte Seneca in scharfen  Worten auf. Hochwasserschutz wurde diskutiert, es gab in Rom sogar eine Kommission, die sich um die Regulierung von Nebenflüssen Gedanken machte. Und es gab Proteste aus der Bevölkerung, die um ihre bewässerten Felder bangte. Ihr listiges Argument: Hier stehen heilige Stätten, die dürfe man nicht gefährden, wolle man nicht den Zorn der Götter provozieren… 

 

Die beredten Quellen der Römer reichten bis Germanien. Wie sich das Flusslandschaften  nach Rodungsarbeiten veränderten, wussten die Römer und bauten ihre Villen und Gutshöfe an hochwassersicheren Plätzen, auch in der Region Sinzig. Sie wussten viel, aber waren sie deshalb etwa auch schon Umweltschützer? Zu viel der Ehre, findet Achim Habbel. Die Römer strebten danach, die Natur zu bezwingen. Naturkatastrophen erlebten sie als lokale Einzelereignisse ohne Zusammenhang. 

 

Für die Beschreibung von Seuchen gingen die beiden Referenten zeitlich einen Schritt zurück ins  antike Griechenland. Chronist Thukydides war offensichtlich erschüttert über die Folgen der attischen Seuche, auch Athener Pest genannt. Wobei in den Sprachen des klassischen Altertums Pest für jede Art von Seuche steht. Diese war offenbar grausam, ansteckend und tödlich – wer mit einem Kranken Kontakt hatte, war verloren, Ärzte und andere Helfer zuerst. Und nun die antike Fake New: Die Seuche tauchte zuerst in der Hafenstadt Piräus auf, eingeführt aus Äthiopien und Libyen, wie Thukydides wusste. In den ersten Wochen aber machte sich die Kunde breit, die bösen Spartaner hätten die Brunnen von Piräus vergiftet…

 

Der sehr einfühlsam geschriebene (und ebenso übersetzte) Text des Thukydides spricht auch Probleme an, die uns heute zum Teil sehr bekannt vorkommen. Die Einsamkeit Sterbender, die Angst vor Ansteckung, eingeschränktes öffentliches Leben, sogar völlige Verrohung der Sitten, weil seinerzeit jeder und jede mit dem baldigen Tod rechnen mussten. 

 

Nicht nur die Texte sind als Quellen vorhanden. Die effektive römische Bürokratie leistet ihren Beitrag bis heute. Denn wenn die akribisch vermerkte Zahl der Toten in einer Stadt für ein paar Monate stark ansteigt, dann hatte wohl die Pandemie zugeschlagen.  Und wie immer in der römischen Welt haben Grabsteine viel zu erzählen. Die Frage nach dem „Warum“ beschäftigte selbstverständlich auch die Menschen im Altertum In einer religiösen Welt gutmütiger oder zorniger Gottheiten kam schnell die Frage auf, wer oder was den Zorn der Götter aktiviert haben und was die Seuche für die Zukunft bedeuten könnte. 

 

Was eine Katastrophe auch bedeutet, stellte Achim Habbel an den Schluss des Vortrags.  Das griechische Wort Katastrophe bedeutet eigentlich Umwendung. Es kommt etwas in Bewegung in alle Richtungen, es gibt beispielsweise veränderte Begrüßungsrituale und neue Arbeitsbedingungen oder positives wie negatives Verhalten der Menschen. 

 

Das war viel Stoff für das gespannt zuhörende Publikum. In seinem Namen und unter großem Beifall dankte Vorsitzender Hardy Rehmann den beiden Referenten für den Vortrag, die vielen interessanten Erkenntnisse und Zusammenhänge, auch im Blick auf die aktuelle Situation im Ahrtal. 



Achim Habbel (Mitte) und Meik Stiegler (links) präsentierten einen eindrucksvollen Vortrag, hier mit Hardy Rehmann, 

Vorsitzender des Denkmalvereins, bei der Begrüßung.


Text und Fotos: Förderverein Denkmalpflege und Heimatmuseum



(c) März 2022